Kossenblatt: 7 Brücken und 7 Landschaften

SandraSeenland Oder-Spree, Wandern0 Kommentare

Wanderjenosse Sandra

Hand auf das für Brandenburg schlagende Herz: hast Du schon mal was von Kossenblatt gehört? Der Ort mit dem eigenartigen wie einprägsamen Namen ist ein Dorf das kaum jemand kennt, das man auch mit dem Finger auf der Landkarte übersieht. Es hat keinen Bahnhof, die nächste Autobahn ist in zwei Richtungen jeweils über 30km entfernt und zur dritten Seite hin ist es bis zur Oder auch nicht mehr weit. Aber es hat ein Schloss, ein dem allgemeinen Geist entschwundenes Schloss.

Mir fiel vor nicht allzu langer Zeit ein Buch von Günter de Bruyn in die Hand: „Kossenblatt, das vergessene Königsschloss“. Ich habe schon viel Historisches von ihm gelesen und nach der Lektüre war klar: dort liegt Märkisches Hinterland, das ich sehen muss. Und so wagen wir mit dem Buch im Rucksack die kleine Weltreise über die märkischen Dörfer. Wir rumpeln über die einspurige Straße, der man anmerkt, dass über die historische Pflasterung nur eine kosmetische Asphaltschicht gekittet wurde, in den äußersten Zipfel des Seenland Oder-Spree.

Einmal rund um Kossenblatt wird es gehen. Über sieben Brücken und durch sieben Landschaften. Das wird mir aber erst beim freudigen Ablaufen der Runde klar. Ich schicke schon mal vorab, dass diese Tour eine der schönsten und abwechslungsreichsten meiner letzten Wanderjahre ist und somit dem geneigten Leser wärmstens ans das für Brandeburg schlagende Herz gelegt sei.

1. Schlossgut und Schlosspark

Um zum Schloss zu kommen, muss man den Gutshof überqueren. Eine in früheren Zeiten nicht gerade repräsentative Auffahrt. Man stelle sich vor, wie der erlauchte Besuch sich den Weg erst durch eine Schweine- und Hühnerschar bahnen muss um standesgemäß vorfahren zu können. Das Gut, dass schon vor 1581 bestanden haben soll ist baulich in gutem Zustand. Zwei Torhäuser weisen den Weg in einen von Wirtschaftsgebäuden umstandenen Hof. Links steht das altehrwürdige Herrenhaus, rechts befinden sich Scheune, Stall und Speicher.

auf Gut Kossenblatt

Das alte Gut Kossenblatt

Wir sind früh dran, niemand zeigt sich. Wir überqueren nicht die Schlossbrücke hinter dem Gut sondern biegen links ab und folgen dem Weg entlang des Spreearms. Ja, dieser kleine Graben ist ein Teil der Spree. Das Schloss steht nämlich auf einer von der Spree umflossenen Insel. Bis das Flüsschen breit durch Berlin fließen darf, muss es aber noch ein paar Kilometer zurücklegen. Links steht am Weg der Eiskeller in den man im Winter Eisblöcke aus den umliegenden Seen und der Spree lagerte, damit sie den Sommer über Lebensmittel kühlen konnten. Kurz dahinter stehen zwei mächtige Eichen an einem Abzweig. Hier ging es früher in den Lustgarten des Schlosses. Heute ist davon kaum etwas übrig geblieben. Der Bereich ist mit Häusern bebaut. Von rechts führte einst eine kleine Fußgängerbrücke über den Graben vom Schloss her. Durch die hohen Bäume kann man es jenseitig des Wassers ab und an durchblitzen sehen. Nun treten die Bäume zurück und der Blick kann rechts über die Schlosswiese bis zur Schleuse schweifen. Links und rechts des Weges hat man den Schlosspark, ein wenig an die alten Zeiten erinnernd, pfleglich wieder angelegt. Einige Informationstafeln über Sehenswertes des Dorfes säumen den Weg.

Zollbrücke in Kossenblatt

An der Zollbrücke über die Spree muss heute kein Zoll mehr gezahlt werden

An der Zollbrücke (Nr.1) überqueren wir nun doch die Spree. Hier war bis 1815 die Preußische Welt zu Ende und jenseitig betrat oder beritt man das Königreich Sachsen. Nicht jedoch ohne Zoll bezahlt zu haben. Guckt mal kurz hinter der Zollbrücke rechts in die kleine Straße! Dort steht das älteste Haus von Kossenblatt. Der Fachwerkbau wird auf 1701 datiert.

2. Entlang der Krummen Spree

Hinter dem letzten Haus biegen wir links in den Wald ein. Hier wird der Weg grosspurig und gelb gepunktet als 7-Brücken-Wanderweg angepriesen, jedoch bleibt das verlockende Führungsangebot das Einzige und ich empfehle eher analoeg oder digitael Selbstvorbereitung der Strecke. Bald kommen wir an die Krumme Spree. Das ist nicht etwa eine andere Spree sondern die altbekannte. Sie windet und schlängelt sich hier nur  so ungleichmäßig durch die Niederung, dass die Altvorderen ihr für den Abschnitt zwischen dem Neuendorfer See und dem Schwielochsee dieses Charakteristikum mitgegeben haben. Wobei das „krumm“ wohl wenig schmeichelhaft gemeint war sonst hätte man sie vielleicht geschwungene oder gewundene Spree genannt. Wohl eher bezieht sich das abwertende „krumm“ auf das Undurchsichtige und Unvorhersehbare, denn es war sicher nicht leicht den Weg durch das Wasserlabyrinth zu finden; erst recht nicht bei Hochwasser. Da musste man sich schon gut auskennen. Die guten, alten Zeiten der boshaften Spree, in denen sich das Leben an die natürlichen Gegebenheiten des Flusses anpassen musste, sind  jedoch vorbei, seit um 1900 viele Windungen begradigt wurden. Der schnelleren Schifffahrt wegen. Zurück blieben abgeschnittene Flussarme und Blindarme. Ein mehrfach amputierter Fluss sozusagen. So wird die Niederung für Wanderer zum Zick-Zack-Parcour.

Krume Spree bei Kossenblatt

Entlang der der Krummen Spree

Aber sie machen auch den landschaftlichen Reiz der Gegend aus. Die Wege sind gewunden, wie der Fluss. Weit kann man über das Land blicken. Der Wind wiegt das Schilf rauschend hin und her und trägt den Sommerduft der nahen Wiesen herüber. Hinter jeder Kurve tut sich ein neues Landschaftsbild auf, dessen Rahmen das aufgereihte Ufergehölz entlang des Flusses bildet.
Und natürlich verlaufen wir uns. Wir landen prompt auf einer dieser Halbinseln, die von einem der Blindarme gebildet wird. Das passiert eben, wenn man sich in lyrischen Gedanken verliert. Also: kehrt und den ganzen Weg zurück und in weitem Bogen drum herum! So erreichen wir schlängelnderweise die Große Schafbrücke (Nr.2) und wechseln wieder über die Spree zurück auf ehemals Preußisches Territorium. Nur wenige Meter weiter geht es über die nächste Brücke. Die heißt natürlich Kleine Schafbrücke (Nr. 3) und überspannt einender Altarme. Von Schafen ist leider nichts mehr zu sehen. Die grasten hier zu früheren Zeiten. Stattdessen nutzen hier Kühe das strömungsfreie Wasser als Badeanstalt.

3. Über die Felder

Der Weg wandelt sich nun zu einer schattenspenden Allee, die über die Felder führt. Kossenblatt-City liegt nun links von uns und ab und an sieht man die Häuser durch das Grün scheinen. Hier steht der Mais hoch dieses Jahr. Es geht ein wenig bergauf. Mit jedem Meter Steigung wird der Mais kleiner. Fast unmerklich steigen wir aus der Flussniederung auf aber der Mais lügt nicht. Fehlendes Wasser quittiert er mit Wachstumsverweigerung. Wir erklimmen den Krähenberg mit immerhin 54m Höhe. Von hier ist auch schon der Schornstein der ehemaligen Ziegelei zu sehen. Mehr als der Schornstein ist leider nicht mehr übrig aus der alten Zeit. Nur ein graues Sammelsurium aus später errichteten Gebäuden steht auf dem Gelände.

4. Wasserwelt

Ein Stück weiter liegt rechter Hand die ehemalige Tongrube, aus der das Rohmaterial für die Ziegelei mühevoll aus der Erde geholt wurde. Wie üblich ist sie heute voller Wasser und nun ein beliebter Angelsee. Ein schmaler Pfad quetscht sich zwischen der Tongrube und dem links gelegenen Kleinen Kossenblatter See hindurch. Das üppige Sommergrün überwuchert fast den schmalen Erddamm. Hier und dort steckt eine Angel im See an dessen Ende eine zusammengekauerte Gestalt im Dickicht für Erschrecksekunden bei mir sorgt. Wir versuchen unser Wanderschuhgeraschel auf lautlos zu stellen, um die Im-Dickichthocker nicht um ihr Abendbrot zu bringen. Der Pfad führt auch über das fast überwucherte Mini-Stauwerk (Nr.4), dass den Zufluss zwischen dem Großen und dem Kleinen Kossenblatter See reguliert. Hier dümpelt ein Holzkahn unangeleint vor sich hin. Der Besitzer dürfte es schwer haben, ihn wieder einzufangen. Selbst wenn der olympiaverdächtige Sprung vom Ufer in den Kahn gelingen sollte; ohne Pätschel müsste der Rückweg in McGyver-Manier improvisiert werden.

am Kossenblatter See

Zwischen den beiden Kossenblatter Seen

5. Über die Wiese

Und dann weitet sich der Blick plötzlich über eine Wiese. Und was für eine! Hierher hat sich also der Sommer mit seinen verschwenderischen Farben zurückgezogen. Bis zum Waldrand ist ein Bilderbuch-Blütenteppich ausgerollt. Er leuchtet flächendeckend in weiß, gelb, rot und pink. Eine Belohnung für wahre Hinterlandentdecker. Der warme Sommerwind zottelt an den Haaren und ordnet die Halme der Wiese neu. Mit jedem Windstoß wechselt das Farbspiel und wogt hin und her. Ich stehe einfach und staune über dieses psychedelische Schauspiel. Bis zum Wald drehe ich mich -zigmal im Kreis, um den Anblick bis in kalte, graue Januartage zu tragen.

bunte Sommerwiese Kossenblatt

Wiesenliebe bei Kossenblatt

6. Durch den Wald

Dann nimmt uns der Kiefernwald auf. An seiner Schwelle bleibt der Wind zurück und Ruhe kehrt ein. Im Bogen geht es nun durch hochstangigen Forst zurück in den Ort. Dabei folgt der Weg der Uferlinie des Kleinen Kossenblatter Sees auch wenn er durch die Bäume nur zu erahnen ist.

Waldweg Kossenblatt

Im Wald bei Kossenblatt

Die nächste Brücke, die Mühlenfließbrücke (Nr.5) lassen wir links liegen und  biegen vor ihr rechts ab in Richtung Schleuse. Hinter der kleinen Eigenheimsiedlung sind die Getreidefelder schon abgeerntet  und erlauben nun auch dem kleingewachsenen Wanderjenossen den Blick auf die etwas tiefer gelegene Kossenblatt-Kulisse. Wir überqueren ein rauschendes Wehr mit einer Sohlgleite als Fischaufstieg (Nr.6), dass hier die Schlossspree reguliert. Geradeaus kommt man zur modernen, teilautomatisierten Schleuse, die ebenfalls einen Fischaufstieg hat. Auch Reste des historischen Nadelwehres sind noch zu sehen.

7. Dem Schloss zu

Wir verzichten jedoch auf diesen kleinen Abstecher zur Schleuse und biegen gleich hinter dem Wehr links ab auf die Wiese. Das ist schon die Schlosswiese und hinter der uralten Eichenhecke  versteckt sich das Schloss, das für Ortsunkundige nicht einmal zu erahnen ist. Ein fast unsichtbarer Pfad führt über die Wiese auf die Bäume zu, von den einige so altehrwürdig sind, wie das Schloss selbst. Entlang der Schlossspree auf der Linken und dem eingezäunten Schlossgelände auf der Rechten erreichen wir wieder die Schlossbrücke (Nr.7).

Schloss Kossenblatt

Durchblick zum Schloss Kossenblatt

Da das Schloss nicht zugänglich ist und auch nicht viel davon zu sehen ist, hat der interessierte Wanderer nur die Möglichkeit das Infoschild am Eingang zu studieren oder als geneigter Leser HIER etwas mehr über das übersehene Schloss zu lesen.

Start: Lindenstraße 35, 15848 Tauche (OT Kossenblatt)
Ziel: Lindenstraße 35, 15848 Tauche (OT Kossenblatt)
Rundwanderweg: ja
Länge: 10,6 km
Schwierigkeitsgrad: leicht
sonnig / schattig

Quelle: – Günter de Bruyn, Kossenblatt, das vergessene Königsschloss

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Wanderjenosse Sandra
Sandra

Sandra

Ich bin in Brandenburg aufgewachsen und liebe die Märkische Landschaft und ihre Menschen. Ich bin Immer auf der Suche nach den schönsten und abgelegensten Winkeln zum Wandern und darüber Schreiben.

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