Ich flieg auf Stölln – Flugtradition im Havelland

SandraHavelland, Wandern0 Kommentare

Tief versteckt im Havelland, hinter dem Gollenberg  liegt das kleine Stölln. Der Ort wurde erst berühmt, nachdem sich Otto Lilienthal den Hausberg für seine Flugversuche auserwählt hatte und sich von demselbigen 1896 mit seinem Fluggerät zu Tode stürzte. Sein Tod war allerdings nicht das Ausschlaggebende für das heutige Maß an Bekanntheit, sondern seine Hartnäckigkeit mit der er seine methodischen Flugversuche vorantrieb um der menschlichen Evolution ein Schnippchen zu schlagen.

Lilienthal in Stölln

Das gelbe Agrar-Flugzeug am Lilienthal-Centrum im Ortskern dient uns als  Startmarke. Erstmal geht es durch Stöllns kalte Küche, will heißen durch die kleinen Seitenstraßen und entlang rückwärtiger Gartenzäune. Hier blüht es besonders üppig. Ein Stück weiter wurde für die Stölln-Besucher mächtig aufgerüstet. Die Wegweiser, die zur BUGA 2015 aufgestellt wurden, sind nun wirklich nicht zu übersehen und leiten sowohl Turnschuh- als auch Sambalatschenträger unmissverständlich zum Gollenberg und zum Fliegerpark. Unterwegs wird allerlei Kurzweil geboten. Infotafeln mit historischen Bildern zum Thema Fliegerei und einige von Lilienthal entworfene Flugapparate  -im Modell versteht sich-  säumen den Weg. So gewinnt ihr Einblick in eine Zeit, als Fliegen noch ein echtes Abenteuer war. An einem Wohnhaus erregt ein gleichsam liebevoll wie praktisch konzipierter Verkaufsstand meine Aufmerksamkeit. Allerlei Gestricktes, Gehäkeltes und Eingemachtes wird hier an den Vorbeiwanderer gebracht. An einer kleinen Kasse des Vertrauens kann man sich ehrlich machen. Darüber wacht ausdauernd ein 6-Ender. Nach Ladenschluss wird die Tür von der Inhaberin einfach zugeklappt und verschlossen. Bei den herrschenden frühsommerlichen Temperaturen besteht jedoch kein akuter Bedarf an farbenfroher Kopfbedeckung und so ziehen wir  weiter.

privater Verkaufsstand in Stölln

Selbstbedienung bitte!

Der Gollenberg ruft

Recht bald erhebt sich linker Hand der Gollenberg. Mit dem Gollenberg erklimmt ihr den höchsten Berg des Havellandes – ein glatter 100er! 109m um genau zu sein. Und hier könnt ihr testen, wie sich alpiner Bergaufstieg anfühlt. Für den Fall, dass solcherart Planung ansteht oder ihr eurer Schwiegermutter eins auswischen wollt. Vor dem Anstieg könnt ihr am Denkmal für Paul Beylich noch einmal Kräfte sammeln.

Gedenkstein Paul Beylich am Gollenberg

Rast vor dem Aufstieg zum Gollenberg

Paul Beylich war eigentlich angestellter der Dampfmaschinenfabrik von Otto Lilienthal, fungierte jedoch als Technischer Zeichner, Flugzeugmonteur, Assistent und er war Zeuge des Absturzes. Derart aufgeschlaut könnt ihr schon mal einen Blick auf  DIE LADY herunterwerfen, die hier auf dem Stöllner Acker sehr fotogen Ihre alten Tage verbringt. Doch dazu später.

Lilienthal ganz nah

Der sandige Weg führt überraschend knackig bergauf. Natürlich sind die 100m nicht weit, dennoch bin ich dankbar für die Bank, die ein Jemand in doppelt weitsichtiger Art und Weise aufgestellt hat. Einerseits zum Luftholen und andererseits um den Blick über Stölln schweifen zu lassen. Zu Lilienthals Zeiten war der Berg nackicht. Abrasiert; vornehmlich von Schafen. Heute ist er nur noch glatzköpfig. Der Wanderweg windet sich durch lichten Eichenmischwald bis zur spärlich bewachsenen Kuppe mit einer Abbruchkante am Nordhang. Beim Blick hinunter wird schnell klar, warum sich Lilienthal hier hinter den sieben Bergen bei den sieben  -nein, nein das nicht- , also warum er ausgerechnet hier fliegen wollte. Fast senkrecht geht es hier in die Tiefe. Auf einem schmalen, halsbrecherischen Pfad könnt ihr einige Meter den Steilhang bis zur Absturzstelle von Otto Lilienthal hinunterklettern. Ein sorgfältig gepflegtes Denkmal erinnert hier an das dramatische Ereignis im August 1896.

Denkmal Otto Lilienthal am Gollenberg in Stölln

Im Gedenken an Otto Lilienthal

 Bedenkt vor dem Abstieg, dass  ihr den Pfad auch wieder hinauf müsst, um zur einstigen Absprungstelle zu kommen. Hier am höchsten Punkt des Berges weht mir der gleiche Wind um die Ohren wie einst dem Flugpionier. Ein strammer Aufwind, der von der steilen Wand nach oben gedrückt wird. Und der Ausblick hinunter in die weite Ebene des Havellandes bis zum Horizont ist mit Sicherheit auch immer noch der Gleiche. Nur das hektische Gedrehe der Windräderwäldchen irritiert meine müßiggehenden Augen.

Noch mehr Denkmäler

Und dann ist da noch die Windharfe. Ein Flügelmensch, der das Ziel in der Ebene fest im Blick hat. Kurz vor dem Abheben oder auch schon in der Luft. So ganz ist es nicht klar. Diese Zweideutigkeit gefällt mir. Auch Otto Lilienthal war ja mit seinen Flugversuchen irgendwie zwischen Absprung und richtigem Fliegen unterwegs. Wenn der Wind stark genug ist, lässt er die Metallverbindungen der Flügel erklingen, so wie die vibrierenden Spanndrähte an den alten Fluggeräten.

Windharfe auf dem Gollenberg in Stölln

Auf dem Sprung ins Havelland

In Sichtweite befindet sich noch ein weiterer Gedenkstein. In Kyrillisch wird hier des ersten Piloten gedacht. Den Angehörigen der ehemaligen, sowjetischen Radarstation auf dem Gollenberg waren die Verdienste Otto Lilienthals einen eigenen Stein wert.

Tierische Fliegerei

Von hier geht es in  weitem Bogen den abschüssigen Gollenberg wieder hinunter. Auf dem trockenen Gelände rangeln eilfertig wachsende Eichen und krüpplige Kiefern um die besten Plätze.

Naturschutzgebiet Gollenberg

Gemütlich geht es abwärts

Dort wo es Bäumen gar zu aussichtslos erscheint, haben sich Trockenrasen, Besenheide und Ginster ausgebreitet. Hier tummeln sich bunte Schmetterlingsflieger in der Sonne. Der Gollenberg ist auch Naturschutzgebiet. Einzelne Infotafeln erklären bildreich, welche Pflanzen und Tiere das Gebiet bevölkern. Prompt lässt sich ein Großer Eichenbockkäfer auf mir nieder.

Grosser Eichenbockkäfer am Gollenberg

Überfall!

Einer der größten Europäischen Käfer ist auch einer der gefährdetsten und so freue ich mich erst ein bisschen über diesen Überfall, setze ihn dann jedoch gleich wieder ab. Sein Eichenheim kann nicht  weit entfernt, sein denn er ist nur ein Kurzstreckenflieger.

Lady Agnes

Hinter der letzten Kurve wartet die „Lady Agnes“ immer noch geduldig am Fliegerpark auf euren Besuch. Die ausgemusterte IL-62 der Interflug wurde nicht etwa hierhergeschleppt, nein sie kam auf eigenen Flügeln.

Lady Agnes in Stölln

Lady Agnes hält Hof

Ihre Landung auf der viel zu kurzen, präparierten Ackerpiste war 1989 ein echtes Husarenstück. Wie es dazu kam, könnt ihr bei der Besichtigung der ehrwürdigen Lady erfahren. Sie ist heute Museum. Nehmt unbedingt in einer der Sitzreihen Platz und seht euch den kurzen Film über die Vorbereitungen und die spektakuläre Landung an!

Innenraum Lady Agnes

Unbedingt den Film ansehen!

Neben vielen Ausstellungstücken der Interflugära gibt es auch das Cockpit zu bestaunen. Die 70-iger lassen grüßen. Für Ja-Sager ist hier ebenfalls der richtige Ort. Ausgefallener kann man kaum heiraten.

Lady Agnes Ausstellung

Die 70iger werden lebendig

Und für den Besucher der erfährt, dass Agnes der Name von Lilienthals Frau war, schließt sich der Kreis zwischen den Anfängen und der Gegenwart der Fliegerei, die nur möglich wurde, weil Menschen Visionen hatten, hier im kleinen Stölln, hinter dem Gollenberg, tief versteckt  im Havelland.

TIPP
Vergesst nicht die Dauerausstellung im Lilienthal-Centrum zu besuchen! Kurzweilig wird euch die Persönlichkeit  Lilienthals als Fabrikbesitzer, Naturforscher, Erfinder, Buchautor und Flugpionier vorgestellt.

Start: Otto-Lilienthal-Straße 50, 14728 Gollenberg (OT Stölln)
Ziel: Otto-Lilienthal-Straße 50, 14728 Gollenberg (OT Stölln)
Rundwanderweg: ja
Länge: 4,7 km
Schwierigkeitsgrad: leicht
sonnig / schattig: fifty-fifty

Quelle:  https://naturerbe.nabu.de/schutzgebietssteckbriefe/Gollenberg.pd
                  https://www.otto-lilienthal.de/

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Wanderjenosse Sandra
Sandra

Sandra

Ich bin in Brandenburg aufgewachsen und liebe die Märkische Landschaft und ihre Menschen. Ich bin Immer auf der Suche nach den schönsten und abgelegensten Winkeln zum Wandern und darüber Schreiben.

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