Döberitzer Heide – Natur aus Menschenhand

SandraHavelland, Wandern0 Kommentare

Wer hätte das gedacht?! Da leben wilde Tiere in der Döberitzer Heide gleich Tür an Tür mit den Berlinern und Potsdamern. Auf der riesigen Fläche des ehemaligen Truppenübungsplatzes Döberitz ziehen heute Przewalski-Pferde über die sandige Heidelandschaft und Wisente ruhen im Schatten der Bäume.

Check-up vor dem Start

Ich bin nicht das erste Mal hier. Teilstücke der Heide habe ich schon bewandert. Bei hochsommerlichen Temperaturen muss man die sandigen Heidewege allerdings schon mögen. Und so habe ich mir für die 22-km-Runde angenehmere Temperaturen ausgesucht. Um halb 8 Uhr morgens zeigt das Thermometer 1 Grad an. Die Sonne krabbelt gerade wolkenverhangen über den Horizont. Es hat nicht geregnet, eine Schlammwüste ist also nicht zu erwarten. Auf dem Parkplatz Elstal herrscht freie Platzwahl. Es wird ein schöner Wandertag werden.

Die Heide, die Heide!

Der Rundweg beginnt nicht direkt am Parkplatz sondern am Ende eines kurzen Stichweges. Das verlängert die Strecke auf etwas über 23 Km. Unter dem Schutz der Sielmann Naturlandschaften hält der Name Döberitzer Heide, was er verspricht. Heidekraut und struppiger Ginster dominieren das Bild inmitten einer fast baumlosen Weite. Ich denke mich zurück in den letzten Mai als die Ginsterblüte die Heide in ein leuchtendes Gelb verwandelte. Auch im August, wenn die Besenheide blüht, lohnt ein Besuch. Da wandert es sich wie auf einem rosaroten Teppich.

Weite der Doeberitzer Heide

So viel Weite!

Mit dem Erreichen des Wildniszaunes startet der Rundweg. Ab hier ist Verlaufen fast ausgeschlossen, denn der Weg schlängelt sich überwiegend an diesem Zaun entlang. Ich fühle mich hier immer an Jurassic Park erinnert. Elektrischer Doppelzaun, nummerierte Metalltore und allgegenwärtige Warnschilder. Wer glaubt dieser Hochsicherheitstrakt dient nur der Ausbruchssicherung der wilden Tiere dahinter, der irrt.

Warum ein Zaun?

In gleichem Masse soll auch das Eindringen zweibeiniger Unholde verhindert werden. Die Wildniszone inmitten des Zaunes soll möglichst sich selbst überlassen bleiben.

Wildnistor Doeberitzer Heide

Jurassic Park im Havelland

Nur die tierischen Landschaftspfleger Rotwild, Wisente und Wildpferde dürfen durch enthemmte Nahrungsaufnahme Hand bzw. Maul anlegen. So soll auf natürliche Weise das Zuwachsen der offenen Landschaft mit Wald verhindert werden. Durch die Sukzession (so heißt die natürliche Rückkehr zu den für den Standort typischen Lebensgemeinschaften) würden sich viele Biotope der Offenlandschaft nach und nach in Wald verwandeln. Die Tier- und Pflanzenarten, die andere Biotope benötigen, würden verschwinden.
Nun könnte diese Schreiberlingin aus dem Elfenbeinturm heraus argumentieren, dass der Erhalt einer Landschaft, die nur entstand, weil der Mensch 100 Jahre lang mit schwerem Militärgerät die Döberitzer Heide durchpflügte, wider der Natur ist und keinesfalls etwas mit Wildniserhalt zu hat. Ohne Kriegsspielerei würde es hier wie überall sonst in der Gegend aussehen: Felder, Wälder, Seen und Dörfer. Da ist sicher etwas dran. Nur sieht es nun mal nicht aus, wie überall sonst. Wenn man ausserdem in Betracht zieht, dass extensiv genutzte, weitläufige Flächen heutzutage rar geworden sind und somit viele Tier- und Pflanzenarten keinen passenden Lebensraum mehr finden, erhält die 3.600 ha große Heide eine andere Qualität. Allein durch die Größe der Fläche und die Abwesenheit menschlicher Siedlungen und Verkehrswege macht hier eine Ansiedlung der in freier Wildbahn ausgestorbenen Wisente und Przewalski-Pferde erst Sinn.
Und welcher Nutzung sollte man dieses Gebiet, dass bis heute nicht vollständig von Munition und militärischen Altlasten beräumt ist, sonst zuführen?

Zur Wiederholung:

An dieser Stelle komme ich wieder auf den elektrischen Doppelzaun zurück. Niemandem, dem sein Leben und seine Unversehrtheit lieb sind, sollte wissen wollen, wie grün das Gras auf der anderen Seite ist! Das gilt übrigens auch für einige nichteingezäunten Flächen. Die Schilder, die vor dem Betreten abraten sind keine Dekoration und dienen auch nicht der Ängstigung leichtgläubiger Wochenendbesucher. Abseits der Wege liegt wirklich noch allerhand Explosionsfreudiges im Erdreich.

alter Bunker in der Doeberitzer Heide

Schön auf den Wegen bleiben!

Jetzt nehm ich den Zeigefinger wieder runter und zur Beruhigung sei gesagt, dass das Wandern in der Döberitzer Heide nicht nur etwas für Unerschrockene ist. Die Wege sind exzellent ausgeschildert und es gibt viel zu entdecken. Eine Herde Koniks grast ganz friedlich in Sichtweite. Eine schneidige Dame kommt bis direkt an den Zaun und begutachtet mich. Ich fange ein Gespräch an über das Wetter und über das dürre Gras und ob denn wohl nochmal Schnee käme. Derweil ziehen die anderen schon weiter. Erst als die Mannschaft schon längst im krüppeligen Unterholz verschwunden ist, wird es meiner Freundin unheimlich und sie galoppiert hinterher. Am Rastplatz „Wüste“ habt ihr einen ungehinderten Blick über die alte Panzerschießbahn bis zum Ferbitzer Bruch mit seinen artenreichen Feuchtbiotopen. Gleich nebenan liegen die Reste eines alten Bunkers am Wegrand. Am nächsten Rastplatz lauft ihr entlang der alten Dorfstraße des Ortes Ferbitz. Allerdings ist kein Dorf mehr zu sehen. Es musste 1936 der Erweiterung des Truppenübungsplatzes weichen. Eine Infotafel gibt darüber Auskunft. Im südlichen Bereich der Wanderroute wird es hügeliger. Es ist über längere Strecken angenehm schattig, denn Wald macht sich breit.

Lost in nature

Bei schattigen 1 Grad am frühen Morgen wähne ich mich allein in der riesigen Döberitzer Heide. Aber weit gefehlt. Es sind noch weitere Outdoor-Nerds unterwegs. Wir erkennen uns gegenseitig am prall gefüllten Rucksack für alle Eventualitäten, Mega-Thermosflasche und Spiegelreflexkamera um den Hals. Ich bin etwas neidisch auf das Teleobjektiv meines Gegenübers. Ich grüße dennoch freundlich und erhalte ein paar nette Worte zurück. Einzelne, stahlharte Fahrradfahrer kommen mir entgegen und haben Zeit für ein atemloses Hallo und ein verschwörerisches Handzeichen. Geschwister im Geiste!

Havelland – Unendliche Weiten

Aussichtsturm Doeberitzer Heide

Weite Sicht ins Havelland

Der Aussichtsturm am Finkenberg ist auf den ersten Blick nicht gerade beeindruckend. Er ist schlappe 15m hoch. Das macht aber nichts, denn er steht auf einer Anhöhe, die schon 85m über NN  hat. So muss ich nicht allzu viele Metallgitter-Stufen überleben, um in den Genuss des Ausblickes zu kommen. Und der lohnt sich. Auf der einen Seite: der unverstellte Blick in die unendliche Weite über Wälder und Heide, auf der anderen Seite am Horizont die Skyline von Berlin. Bei schönem Wetter könnt ihr nicht nur den Fernsehturm, sondern auch den Teufelsberg, den Grunewaldturm und andere markante Punkte des Stadtbildes erkennen.

 

Phönix aus der Pfütze

Wenn Ihr in der Döberitzer Heide auf tiefe Pfützen trefft, solltet ihr nicht achtlos vorrübergehen, sondern ruhig mal einen Blick hinein werfen. Es könnte sein, dass es darin zappelt. Dann freut euch, denn ihr schaut über 200 Millionen Jahre in der Erdgeschichte zurück! Die tiefen Pfützen der Döberitzer Heide sind einer der wenigen verbliebenen Lebensräume von Urzeitkrebsen. Eigentlich leben sie auf Überschwemmungsflächen von Flussauen. Davon gibt es aber kaum noch welche und so muss sich der Triops mit temporären Tümpeln begnügen. Auch ihm kommt die Abgeschiedenheit der Heide entgegen und – das Panzerfahren. Jahrzehntelang wühlten sich die tonnenschweren Panzer durch das Gelände und verdichteten den Sandboden. Somit konnte das Regenwasser nicht so schnell versickern. Die Pfützen hielten sich in den Panzerfurchen länger als andernorts. Damit hatte der bis zu 8cm große Urzeitkrebs genügend Zeit, seinen Lebenszyklus zu durchlaufen und Eier abzulegen. Die Eier können viele Jahre im Sand auf den nächsten ergiebigen Regen warten, damit die nächste Triops-Generation schlüpfen kann. Nachdem die Rote Armee bei ihrem Abzug Anfang der 90iger ihre funktionstüchtigen Panzer mitgenommen hat (und nur die), war Schluss mit Heidesandverdichtung und prompt kam der kleine Kerl in Bedrängnis. Die zunehmend trockenen Sommer tun ihr übriges. Und so fährt man heute wieder Panzer in der Döberitzer Heide – für die letzten ihrer Art.

Natur aus zweiter Hand

Besonders im nördlichen Bereich der Döberitzer Heide könnt ihr entlang des Weges die Narben der jahrelangen Gefechtsübungen noch gut erkennen. Viele überwucherte Bunker und zerfallene Unterstände könnt ihr mit bloßem Auge gut erkennen. Die Natur holt sich ihr Terrain langsam zurück. Dazwischen grasen kontrastreich Schafe und Ziegen. Die Fläche außerhalb der Wildniszone wird mit verschiedenen Haustieren beweidet. Hier grasen auch Esel und Konik-Pferde. Besonders imposant sind die Heckrinder. Diese Hausrinder sind stark zum Abbild des Auerochsen hingezüchtet. Auerochsen waren Wildrinder, die noch bis in die Neuzeit die Europäischen Landschaften durchstreiften. Die Pflanzenfresser sorgen dafür, dass die Wiesen bestehen bleiben. Damit schaffen sie die Lebensgrundlage für vielerlei Insekten insbesondere für verschiedene Schmetterlinge, die in der Döberitzer Heide noch verhältnismäßig oft vorkommen. So gibt es  am Wegesrand immer etwas zu sehen, auch wenn sich die großen Wilden gerade nicht zeigen wollen.

TIPP
Nehmt unbedingt genug Proviant und Getränke mit (besonders im Sommer). Der Rundweg lässt sich nicht abkürzen und es gibt keine Einkehrmöglichkeit.

Start: Parkplatz Döberitzer Heide, 14624, Wustermark (OT Elstal)
Ziel: Parkplatz Döberitzer Heide, 14624, Wustermark (OT Elstal)
Rundwanderweg: ja
Länge: 23,1 km (inkl. Stichweg)
Schwierigkeitsgrad: mittel
sonnig / schattig: 70/30

Quellen: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Truppen%C3%BCbungsplatz_D%C3%B6beritz https://www.sielmann-stiftung.de/fileadmin/user_upload/Projektblatt_Leitbild_Do__beritzer_Heide.pdf
https://mluk.brandenburg.de/cms/media.php/lbm1.a.2338.de/doeberitz_fb_123_web.pdf
https://www.deutschlandfunkkultur.de/doeberitzer-heide-panzerfahren-fuer-den-naturschutz.1001.de.html?dram:article_id=489867
https://www.nationalpark-unteres-odertal.de/sites/default/files/literature/Das%20Wildnisgro%C3%9Fprojekt%20D%C3%B6beritzer%20Heide.pdf
https://www.doeberitzerheide.de/wilde-weidenhttps://sielmann-stiftung.foleon.com/jahresberichte/jahresbericht-2019/dberitzer-heide/

 

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Wanderjenosse Sandra
Sandra

Sandra

Ich bin in Brandenburg aufgewachsen und liebe die Märkische Landschaft und ihre Menschen. Ich bin Immer auf der Suche nach den schönsten und abgelegensten Winkeln zum Wandern und darüber Schreiben.

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