Zwitschervögel auf dem Weg in den Süden

SandraHavelland, Land & Leute, Wandern0 Kommentare

Ausblick Strengsee

Wanderjenosse Sandra

Der Vogelbeobachtungsturm Netzen  ist eher ein trutziges Wehr-Türmchen mit Klappen zum Schließen der Fensterluken. Falls die Vögel genug haben sollten vom vielen Besuch und zum Angriff übergehen, kann man ratz-fatz den Wehrgang verbarrikadieren. Praktisches Design, lieber NABU!
Wir klettern die innenliegende Treppe rauf und bemerken bereits, dass wir nicht die Einzigen sind.

Blick vom Vogelbeobachtungsturm Netzen

Vogelbeobachtungsturm Netzen

Ein Geruch von Bier und Kräuterschnaps wallt uns entgegen. Polternde Männerstimmen lassen mich nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich sitzen da vier Herren mittleren Alters rund um einen Tisch und zwitschern sich ganz gepflegt einen an. Jeder hat ein Bierchen vor sich und die Flasche Kräuter steht zur allgemeinen Verfügung in der Mitte. Ich frage mich was die Jungs veranlasst hat, sich ausgerechnet mitten im Nirgendwo, umrahmt von Informationsplakaten des NABU, die Lampen auszuschießen. Das Interesse an Ornithologie ist es mit Sicherheit nicht.
Nun muss ich kurz einwerfen, dass ich als Kneipenkind aufgewachsen bin und durch jahrelange Feldforschung geschult bin in der Beurteilung der verschiedenen Stadien des Alkoholkonsums. Ich hab schließlich Kinder dabei und trage neben dem Wanderrucksack auch Verantwortung! Mir wird aber schnell klar, dass von den Zwitscherbrüdern keine Gefahr droht. Die Bierflaschen sind erst halb leer, die  Jungs haben gerade erst angefangen. Trotzdem geht es hoch her. Mit „hopp, hoop, rin in Kopp“ und „auf einem Bein kann man nicht stehen“ wird der Kräuter rumgereicht.
Wir gucken derweil andere Vögel und ich freue mich über einen serviceorientierten NABU-Mitarbeiter vom Regionalverband Brandenburg/Havel, der einen ganz passablen Feldstecher für die Allgemeinheit angekettet hat.

Blick auf den Strengsee

Safety First beim Vogelgucken

So können wir die Scharen von einfliegenden Wildgänsen gut beobachten. Ein paar Schwäne gibt es noch und das war`s. Naja, wir hätten doch früh morgens oder spät abends kommen sollen. Die Zwitscherjungs machen uns auf das Gäste- und Beobachtungsbuch aufmerksam. In ein Vogelturm-Gästebuch müssen wir uns natürlich eintragen. Wie immer in solchen Büchern ist die Qualität der Einträge recht schwankend. Von Kritzeleien bis hin zu Gedichten mit korrektem Vermass ist alles vorhanden. Ich bleibe an einem Eintrag von Angelika hängen, die in allen Einzelheiten entrüstet schildert, dass Ihr das Vogelgucken verwehrt blieb, da der Turm von einem nackten Liebespärchen okkupiert war. Wir steuern unsererseits  einen jugendfreien Beitrag bei und legen das Buch zurück.

Jetzt will ich aber doch noch wissen, was es hier zu feiern gibt.
„ Na, das ist unsere Einheitsfeier.“, wird mir beschieden. Richtig, heute ist 03. Oktober. Aber wieso hier?
„Wir pilgern.“ Bitte was?
„Wir pilgern, auf dem Bernhardspfad. Und die Frauen bleiben zu Hause.“
Da staunt der Wanderjenosse. Bisher hatte ich Pilger immer im erzkatholischen Süden verortet. Nicht jedoch bei den, in diesem Jahr besonders feierlaunigen, Reformierten. Und warum die Frauen wohl besser zu Hause bleiben, habe ich schon verstanden. Ich erfahre, dass der Bernhardspfad aus 2 Routen besteht, die rund um Lehnin führen. Die Jungs pilgern die Nordroute. Die ist länger – 21Km. Die Kinder sind schon erwachsen und pilgern lieber den Ku`damm entlang, erfahre ich ferner.
Ich hoffe, dass der spirituelle Geist des Weges der seelischen Erbauung Genüge tut, damit die Herren nicht allzu sehr von der mitgeführten, geistvollen Unterstützung Gebrauch machen müssen. Dem heiligen Bernhard von Clairvaux zum Wohlgefallen.

HIER geht`s zur ganzen Tour!

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Wanderjenosse Sandra
Sandra

Sandra

Ich bin in Brandenburg aufgewachsen und liebe die Märkische Landschaft und ihre Menschen. Ich bin Immer auf der Suche nach den schönsten und abgelegensten Winkeln zum Wandern und darüber Schreiben.

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